35 Jahre Wiederaufbau Straßberg – Stiege

Winfried Schwarzbach
1983 begannen die Arbeiten zum Wiederaufbau der Strecke Straßberg - Stiege. Da die Baumaßnahmen hauptsächlich von Stiege aus vorangetrieben wurden, werde ich auch von dort, entgegen der Kilometrierung, beginnen.
Zuvor aber ein historischer Überblick zu diesem Streckenabschnitt.
Vom 01.07.1889 bis 01.06.1890 war Silberhütte (Anhalt) Endpunkt der im Selketal verlaufenden Bahnlinie der Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn (GHE). Somit war ein wichtiger Industriestandort mit Schmelz-hütten, Pulvermühle und holzverarbeitenden Betrieben an das Eisenbahnnetz angeschlossen.
Selkeaufwärts gab es bei Lindenberg (ab 1952 Straßberg, da die Selke bis 1945 Grenzfluß zwischen Anhalt und Preußen war) Flußspatvorkommen, die auf rationellen Transport warteten, ebenso wie die daraus hergestellte Flußsäure.
Dahinter konnte recht einfach Güntersberge erreicht werden, ein größerer Ort mit etwas Industrie der Holzverarbeitung und auf Grund seiner idyllischen Lage mit, man würde heute sagen, aufstrebendem Tourismuspotenzial.
Weiter 3 km talaufwärts konnte man Friedrichshöhe anschließen, daß mit einigen kleinen Glashütten ein gewisses Güterverkehrsaufkommen versprach. Die Einwohner mußten allerdings, bedingt durch die Ortslage oberhalb des Selketales, einen Fußweg vom wenigstens 1 km in Kauf nehmen.
Etwa 300 m weiter bergwärts an einer Bachbrücke erreichte die Selke die damalige Landesgrenze Anhalt/Braunschweig, und um Stiege und Hasselfelde anschließen zu können, mußte ein Staatsvertrag geschlossen werden, der mit Veröffentlichung am 10.10.1891 in Kraft trat.
Noch einmal 400 m weiter wurde etwa 1897 der Haltepunkt Albrechtshaus angelegt, um die im gleichen Jahr gegründete Lungenheilstätte anschließen zu können.
Stiege wurde am 01.11.1891 erreicht und Hasselfelde am 01.05.1892, wobei die neue Bahn ihre Leistungsfähigkeit im Antransport von Baumaterialien unter Beweis stellen konnte, war doch ein großer Teil des damaligen Hasselfelde südlich der Hauptstraße bis kurz vor dem heutigen Bahnhof einen Stadtbrand zum Opfer gefallen.
Bis 1946 verlief der Verkehr und Betrieb in den üblichen Bahnen, dieses Jahr stellte aber eine Zäsur dar, die Gleisanlagen der GHE wurden als Reparationsleistung von Gernrode bis Stiege und Harzgerode (38,6 km) demontiert und zusammen mit dem weitaus größten Teil des Fuhrparkes abtransportiert. Übrig blieben die 4,9 km von Stiege bis Hasselfelde und die 1905 eingeweihte Strecke Stiege - Eisfelder Talmühle mit 8,6 km, die fortan von der Nordhausen-Wernigeroder-Eisenbahn (NWE) bzw. später von der Deutschen Reichsbahn (DR) betrieben wurden. Ebenfalls nicht abgebaut wurde das Anschlußgleis vom Herzogschacht (Flußspatgrube) und das Stück der Strecke zum Bahnhof Lindenberg.
Vom Fuhrpark der GHE verblieben der Triebwagen GHE T1 (später VT 133 522 bzw. 187 001), die Dampflok „Gernrode“ (später 99 5811) sowie einige Güterwagen im Harz. Die „Gernrode“ und einige der Güterwagen wurden zwischen dem Herzogschacht und dem Bahnhof Lindenberg eingesetzt, in Lindenberg erfolgte die Umladung des Flußspates auf LKW bzw. Pferdegespanne.
Da inzwischen die Abteilung der sowjetischen Militärverwaltung, die Reparationen einzutreiben hatte, ihre Aufgabe erfüllt hatte, stand die Abteilung, die Industriegüter aus der Besatzungszone in die Sowjetunion bringen mußte, vor einem Transportproblem. Selbst in dieser Zeit erkannte man es als nicht gerade fortschrittlich an, Flußspat per Pferdewagen über viele Kilometer durch den Harz nach Gernrode zum Weitertransport zu fahren. Gerade aber dieses Mineral wurde benötigt, um in der aufstrebenden Atomforschung und Atomrüstung mithalten zu können.
Also wurde Kraft der Amtsgewalt der Wiederaufbau von Gernrode bis Lindenberg und Alexisbad bis Harzgerode beschlossen, befohlen und in die Tat umgesetzt, so daß am 08.03.1949 von Gernrode bis Anschluß Herzogschacht im eingeschränkten Güterverkehr und ab 16.05.1949 der komplette Verkehr aufgenommen werden konnte. Im Juli 1950 ging es auch wieder von Alexisbad nach Harzgerode.
Der Abschnitt Anschluß Herzogschacht bis Stiege wurde nicht wieder aufgebaut, da er schon zu Zeiten der alten GHE wenig ertragreich und ausschlaggebend für die Beschaffung des uns bekannten Triebwagens 187 001 ex. GHE T 1 war.

Folgende Betriebsstellen waren auf dem Abschnitt vorhanden (in Richtung der Kilometrierung):

Straßberg (bis 1952 Lindenberg): km 21,9/363 m über Normal-Null (ü.NN) Zwei Hauptgleise für Zugkreuzungen, beidseitig angebundene Nebengleise zur Ladestraße/Rampe und zum Güterschuppen (Gs), das Empfangsgebäude (EG) mit Gaststätte und Wohnung

Fluor: km 22,6 Ladestelle für Fluorfabrik, nur Güterverkehr (1890-1892 auch Haltepunkt im Personenverkehr), Kippstelle für die Roßbahn (Lorenbahn, die die gefüllten Wagen mittels Schwerkraft und Bremsern ins Tal zur Verladestelle bzw. in die Flußsäurefabrik brachte, die leeren Wagen wurden mit Pferden wieder zur Schachtanlage auf über 400 m ü.NN Höhe gezogen!) vom Herzogschacht an der späteren Straße Straßberg - Siptenfelde, beidseitig angeschlossenes Ladegleis vor dem Linksbogen zur Selkebrücke.

Abzweig Herzogschacht-Selkebrücke: km 22,9 Hier wurde 1943 bis 1944 ein privates Anschlußgleis zum Schacht gebaut. Es zweigte rückwärts aus dem Streckengleis Richtung Güntersberge ab und stieg sofort steil an, schlängelte sich an einem Trafohaus vorbei und führte auf der westlichen Talseite bergauf bis an die heutige Straße Straßberg - Siptenfelde, überquerte sie in einem engen Rechtsbogen und führte hinter die Übertagegebäude der Schachtanlage, wo es sich in drei Gleise aufteilte. Die maßgebende Steigung betrug 5 %.
Die Bedienung erfolgte von Lindenberg/Straßberg aus gezogen bis über die Selkebrücke und dann geschoben zum Schacht. Die Übergaben bestanden meist aus fünf offenen zweiachsigen Güterwagen (Ow), so daß man von etwa 75 t Bruttolast ausgehen kann. Natürlich wurden entsprechend auch offene vierachsige Güterwagen (OOw) eingesetzt. 1974 wurde das Gleis stillgelegt, da die Unterhaltung trotz mehrmaliger Aufforderungen der Bahnmeisterei von Seiten des Schachts ausblieb. Der Transport erfolgte nun vom Schacht auf Lkw des Typs Krass-Kipper, die die 2 km lange Strecke zum Bahnhof fuhren und auf der Rampe eine kleine Vorratshalde anlegten. Mittels Schaufellader wurden die Schmalspurwagen beladen, später auch die aufgerollten Normalspurwagen, allerdings war die Rampe dann schon abgerissen.


Foto (Winfried Schwarzbach): Das „Streckenende“ der Selketalbahn zwischen 1946 und 1983 – links das Gleis von Straßberg kommend, rechts das Gleis hinauf zum Herzogschacht. Hinter der Selkebrücke (im Bild nicht erkennbar) befand sich ein Prellbock. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im August 1982 war der Anschluß zum Herzogschacht aber bereits stillgelegt – bei genauem Hinschauen erkennt man, daß links schon Schienen fehlen und auf der Selkebrücke ein „Gleisabschluß“ errichtet wurde.

Selkewiese: km 24,6 Hier befand sich eine Holzladestelle mit einem kurzen Gleis, welches mittels einer Rechtsweiche aus Richtung Güntersberge gesehen aus dem Streckengleis abzweigte. Daher konnte die Ladestelle auch nur von bergwärts fahrenden Zügen bedient werden. Sie ist seit 1946 nicht mehr vorhanden.

Anschluss Nickol: km 26,5 Dort, wo die Strecke nach West (links) schwenkt, um die Ortslage von Güntersberge zu erreichen, zweigte geradeaus das Anschlußgleis zum Sägewerk/Zellstoffwerk Nickol ab. Das Gleis führte mit starkem Gefälle hinunter bis fast zur Selke und bog nach links in den Fabrikhof ein, um dort nach knapp 300 m zu enden. Bedient wurde das Anschlußgleis per Sperrfahrt von Güntersberge aus.
Heute stehen rechts in Richtung Güntersberge ein paar Einfamilienhäuser dort, der Weg zu diesen Häusern ist das alte Planum, das Werk selbst ist seit der Wende eine Ruine. Seit 1946 gibt es die Gleisanlage nicht mehr.

Güntersberge: km 27,0/420 m ü.NN Ausgerüstet wurde der Bahnhof mit zwei Gleisen, welche anfänglich zum Umfahren und später für Zugkreuzungen genutzt wurden. Zur Hangseite hin zweigte ein Gleis zu einem Lokschuppen ab, da von der Eröffnung im Juni 1890 bis Dezember 1891 der Bahnhof Endpunkt der Strecke war und deshalb hier eine Lok stationiert wurde.
Auf der anderen Bahnhofsseite zweigte ein Gleis ab, durch das direkt der Güterschuppen und als Sägefahrt eine Ladestraße erreicht werden konnten. Hier befand sich eine Wasserstation und eine Rotte der Bahnmeisterei.
1946 komplett demontiert, blieb nur das Bahnhofsgebäude erhalten, beim Neubau wurde nur ein Haltepunkt errichtet. Der geplante Aufbau einer Ladestraße unterblieb. Heute ist das Bahnhofsgebäude bewohnt und mit einer Gaststätte versehen. In Richtung Friedrichshöhe kann man am Beginn der Steigung links eine in den Fels gesprengte Nische erkennen, dort befand sich der Lokschuppen.


Repro (Sammlung L. Ertel): Eine Postkarte von Güntersberge aus den 1920er Jahren –
rechts im Bild ist gut die Strecke der Selketalbahn zu erkennen.




Repro (Sammlung L. Ertel): Der Bahnhof Güntersberge in den 1920er Jahren.

Friedrichshöhe: km 30,5/454 m ü.NN Ab Dezember 1891 wurde der Bahnhof Friedrichshöhe in Betrieb genommen. Er verfügte über zwei Hauptgleise sowie ein Nebengleis/Ladestraße mit Güter-schuppenanschluß. Dort wurden die Güter für den etwa 1 km entfernten Ort umgeschlagen.
Das Bahnhofsgebäude, ein Fachwerkbau, befand sich etwa 100 m von der Straße nach Friedrichshöhe entfernt. 1946 wurden die Gleisanlagen demontiert. Beim Wiederaufbau 1983 als Haltepunkt wurde das Ladegleis nicht mehr benötigt, das Bahnhofsgebäude wurde wegen Schwammbefall abgerissen. Ein Betonunterstand bietet heute etwas Schutz vor schlechtem Wetter.

Albrechtshaus: km 31,3/467 m ü.NN Dieser Haltepunkt erschloß ab 1897 die Lungenheilstätte Albrechtshaus, die etwa 400 m westlich im Wald lag. Zur Wärmeversorgung der Gebäude wurde ein Kesselhaus erbaut, das mit einem Anschlußgleis versehen war, um Kohle anzutransportieren. Es zweigte am talseitigen Bahnsteigende nach rechts ab und verlief im Bogen Richtung Heilstätte. Bedient wurde es ähnlich dem Anschluss Nickol nur von bergwärts fahrenden Zügen, die dazu in das etwa 180 m lange Gleis rückwärts einfahren mußten.
Bis auf das Wartehäuschen aus Holz wurde auch hier 1946 alles abgebaut. Ab da diente es noch als Buswartehalle.

Stiege: km 35,7/485 m ü.NN Von Dezember 1891 bis Mai 1892 war Stiege Endbahnhof, ab Juli 1905 dann Abzweigbahnhof der Strecke nach Eisfelder Talmühle. Bis 1904 verfügte er vermutlich nur über Haupt- und Kreuzungsgleis sowie Rampengleis mit Ladestraße und Güterschuppenstumpfgleis.
Für seine Aufgaben als Trennungsbahnhof wurden die Gleisanlagen entsprechend erweitert. Gegenüber dem Bahnhofsgebäude legte man ein weiteres Umfahrgleis, das mit einem sogenannten „Hosenträger“ mit dem Nachbargleis verbunden wurde. Ein „Hosenträger“ ist eine Gleisverbindung zweier nebeneinander liegenden Gleise durch vier Weichen und eine Kreuzung. Diese baulich aufwendige, aber betriebstechnisch rationelle Gleisanlage garantierte eine schnelle Betriebsabwicklung bei den durchgehenden Zügen Gernrode - Eisfelder Talmühle (Nordhausen), bei denen die Fahrt-richtung gewechselt werden mußte.

Fuhr der Gernroder Zug ein, wartete ein Zug aus Hasselfelde schon auf dem Nachbargleis. Die Hasselfelder Lok brauchte nun nur über die Gleisverbindung an den bisherigen Zugschluß des Gernroder Zuges zu rangieren, ankuppeln, Bremsprobe und schon konnte es ins Behretal weiter gehen. In der Zwischenzeit rangierte die Gernroder Lok an den Hasselfelder Zugschluß und hatte nun nur noch 4,9 km bis zur verdienten Wendepause in Hasselfelde zu fahren.
Zu diesen drei Gleisen gab es nun noch zwei weitere Abstellgleise am westlichen Bahnhofsrand. So bestand der Bahnhof bis 1946.
Bei der Demontage im Jahr 1946 wurde eine Loklänge nach der letzten Weiche Richtung Gernrode ein Prellbock aus Schwellen errichtet und die Strecke abgebaut. So war es noch im Frühjahr 1983 zu sehen. Die Züge von und nach Eisfelder Talmühle (Nordhausen) mußten sich über die einfache Gleisverbindung vom „Nordhäuser Gleis“ zum Hausbahnsteig schlängeln, die Holzrampe samt Ladestraße wurde von den Nahgüterzügen bedient, bei Zugkreuzungen mußte der Güterzug ins Gleis 2 ausweichen. Am Güterschuppen stand ein abgestellter gedeckter Güterwagen.
So sah es auf dem Streckenabschnitt der GHE aus und stellte den Zustand bis 1983 dar.
Die Fortsetzung dieses Artikels folgt in der nächsten Harzbahnpost.



Foto (Winfried Schwarzbach):Die Einfahrt des Bahnhofes Stiege im August 1982 – links das Gleis aus Richtung
Eisfelder Tal-mühle und die Trapeztafel, in der Bildmitte der Prellbock aus Schwellen und einer Schotterschüttung.




Foto (Winfried Schwarzbach): Die Trasse der Selketalbahn in Richtung Straßberg ohne Gleis im Februar 1983.

Quellen: Zieglgänsberger;Röper: Die Selketalbahn, Transpress Verlag Berlin
Bornemann, Die Anhaltische Harzbahn, Piepersche Verlagsanstalt Clausthal-Zellerfeld
Eigene Unterlagen und Infos - für die Bildqualität bitte ich um Nachsicht!