35 Jahre Wiederaufbau Straßberg – Stiege, Teil 2

Winfried Schwarzbach
Nach der im ersten Teil bzw. in der letzten Harzbahnpost gegebenen Einführung möchte ich nun in loser Folge erzählen, wie ich diesen Bau erlebte.
Etwa 1978 nahm ich mit meinem getreuen „Habicht“ (ein Kleinkraftrad der Firma Simson) eine erste Streckenerkundung vor. Wie erstaunt war ich, in zugewachsenen Bereichen teilweise Schwellen mit Befestigungsmaterial vorzufinden oder im Einschnitt an der Selkekirche noch etwa 100 m Fernmelde-leitung inclusive Masten, echt gespenstig!
In dieser Zeit liefen in Niedersachswerfen Ost und Steinerne Renne die Versuche mit Rückfallweichen, eine wichtige Voraussetzung, um den geplanten Betrieb auf dem Streckennetz rationeller betreiben zu können.
Damals war ich noch u.a. im Güterzugdienst von Nordhausen nach Hasselfelde im Einsatz und konnte mich von den vielen Gerüchten rund um die Schmalspurbahnen im Harz überzeugen, die damals so umgingen. Das war übrigens die Zeit, als man zum Telefonieren zum Nachbarn oder in die Telefonzellen ging und sich mündlich verabredete, vorausgesetzt, man war den Umgang mit Uhren gewöhnt und stand dann auch zu seinen Verabredungen!
Da gingen Gerüchte um von Henschel-Dieselloks ähnlich der Rhodopenbahn, ebenso von Neubau-Personenwagen oder Personenwagen auf alten Güterwagenuntergestellen oder Neubau-Dampfloko-motiven für den zukünftigen Verkehr im Harz, naja, die Zukunft hat es gelehrt!
Auf jeden Fall wurde immer wieder die Gleisverbindung Stiege – Straßberg thematisiert, man hörte auch das gern, aber dran glauben?
Ab etwa 1980 gab es dann einen Ruck um den Bahnbau, erste Abschnitte wurden frei geschnitten und Vermessungspfähle eingeschlagen. Also ab auf Strecke und schauen! Man inspizierte Brücken und Wasserdurchlässe, den Bahndamm insgesamt und die Bahnhofsgelände, sicher um den Aufwand für den Wiederaufbau genauer abschätzen zu können.
Inzwischen bekam ich Kontakt zu anderen “Harzbahnfans“, wie ich dazu kam, war schon abenteuerlich und geradezu typisch für diese Zeit.1976 lernte ich auf einer Fahrt von Nordhausen nach Eisfelder Talmühle zwei Touristen kennen, die am Bahnsteig stehend die Neubaulok bewunderten. Auf der ersten Plattform stellte sich heraus, es waren Niederländer! Da sie an Erklärungen sehr interessiert waren, tauschten wir die Adressen aus und etwa eine Woche später gab es Post aus Den Haag. Seitdem haben unzählige Fotos den Weg nach hüben und drüben gefunden und der Kontakt besteht immer noch.
Einer der beiden kannte Herrn Zieglgänsberger, beim Besuch im nächsten Jahr wurde ein Kontakt angebahnt, wir trafen uns in Gernrode und so zählte ich dann ab 1983 mit zu den Informanten im Bezug auf den Neubau, es wurden von Hans Röper Infos gesammelt und als Rundschreiben mit Schreibmaschine geschrieben weiterverbreitet, eine noch heute interessante Chronik!
So kann man im ersten Bericht vom 17.03.1983 lesen, das bei Fluor seit September 1982 eine Tiefbaubrigade des Betriebsteils (BT) Bernburg des VEB Tiefbau Halle am Arbeiten war. Man hatte ab Selkebrücke (km 22.0) etwa 3 km Planum und Wasserdurchlässe saniert bzw. vorbereitet.
Für den 05.03.1983 wurde vermeldet, das sich der BT Dessau am ehemaligen Bahnhof Friedrichshöhe in den damals noch stehenden Bungalows des Ferienlagers (die Fundamente sieht man Richtung Güntersberge heute noch rechts am Bahndamm vor der Weiche) etabliert hatte und das Bahnhofsgelände sowie die Trasse Richtung Albrechtshaus frei geschoben hatte und anfing, Schotter aufzubringen.
Ab etwa Mitte April 1983 begannen Arbeiten in Stiege, es wurde der alte Gleisabschluß Richtung Selketal einschließlich Weiche und Gleis demontiert und der Bahndamm hergerichtet. Nach dem Bogen Richtung Selketal wurde ein beidseitig angebundenes Ladegleis errichtet, um an diesem Gleis Schotter aus Unterberg zu bevorraten. Gleichzeitig wurde am Wasserdurchlaß in Richtung Strecke eine Wasserpumpe installiert, um die im Bauzugdienst eingesetzten Dampfloks mit Wasser versorgen zu können. 2012 bei den Sonderfahrten zum Jubiläum „125 Jahre Selketalbahn“ wurde diese Wasserstelle noch mal genutzt.


Foto (Winfried Schwarzbach): Der Bahnhof Stiege im Mai 1982, Nordseite, Ausfahrt nach Hasselfelde -
auf der sumpfigen Wiese entstand später die Wendeschleife.



Foto (Winfried Schwarzbach): Der Bahnhof Stiege am 19.04.1983, Südseite - links ist noch ein Stück der alten
Rampe zu erkennen, rechts ein Prellbock der alten Stumpfgleise.



Die Laderampe in Stiege wurde komplett abgerissen, dort wurden die fertigen Gleisjoche sowie Einzelschienen, Weichen und Kleineisen gelagert.
An der gesamten Strecke wurden nun die Brücken und Wasserdurchlässe erneuert, die Bahndämme abgeschoben, verbreitert und mit Splittschichten befestigt.
So wurden im Laufe des Sommers nach und nach die alten, für den Baubetrieb nicht benötigten Gleise abgebaut und auf neuem Planum mit neuem Gleisplan verlegt, der betriebliche Ablauf wurde durch den Einbau von Rückfallweichen komplett vereinfacht, um so wenig wie möglich örtliches Personal einsetzen zu müssen. Dazu trug natürlich das Konzept des Bahnhofsgleisplans einschließlich der an der Hassel-felder Seite gebauten Wendeschleife bei. Das Gelände steigt in Richtung des Ortes stark an, deshalb verlief die Wendeschleife teilweise in einem Einschnitt am rechten Hang unterhalb des Friedhofes. Später wurde die Erhöhung in der Wendeschleife abgetragen, da es Probleme im Winter mit Schnee-verwehungen gab.
Auch im Bahnhof Eisfelder Talmühle wurden Gleisanlagen umgebaut, um den zukünftigen Betrieb zu optimieren. Abgebaut wurden die beiden Gütergleise 8 und 9 an der Nordhäuser Einfahrt einschließlich der Kreuzung mit den Verbindungsgleis und Doppelweiche Gleis 1, 2 und Zufahrt Gleis 4 b. Abgebaut wurde das Stumpfgleis 3 a zwischen den beiden Streckengleisen sowie Gleis 3 zum Teil, später ganz.
Das südliche Gleis 4 b wurde über den Überweg verlängert und mündet nun direkt ins Nordhäuser Streckengleis ein. Eine neue Weichenverbindung von Gleis 4 nach 5 ermöglicht eine weitere Ein- und Ausfahrt aus und nach Nordhausen direkt in Richtung Stiege. Die Gleisverbindung einschließlich Gleis 3 von 1 nach 4 wurde später aus und Gleis 3 a abgebaut.
Auch hier optimieren die Rückfallweichen den Betriebsablauf.


Foto (Winfried Schwarzbach): Der Bahnhof Eisfelder Talmühle am 13.10.1983 - Südseite im Umbau.

Umfangreiche Arbeiten erfolgten auch im Anschluß Unterberg - er wurde komplett erneuert, Betonmauern am Gleis neu gegossen und die Verladeeinrichtungen so gebaut, das die Möglichkeit der Bahnverladung mit aufgerollten Selbstentladewagen bestand. In Eisfelder Talmühle stand ein Zug aus drei aufgerollten Selbstentladewagen bereit sowie ein schmalspuriger G-Wagen, der durch Einbau von Stirnwandfenstern, Lichtanlage für Spitzen- und Schlusssignal sowie Notbremshahn als „Behelfssteuer-wagen“ genutzt werden sollte.

Quellen: Zieglgänsberger; Röper: Die Selketalbahn, Transpress Verlag Berlin
Bornemann, Die Anhaltische Harzbahn, Piepersche Verlagsanstalt Clausthal-Zellerfeld
Eigene Unterlagen und Infos - für die Bildqualität bitte ich um Nachsicht!