Ein alljährlicher Betriebsausflug am 30.04.2018

Winfried Schwarzbach Alljährlich, also wie jedes Jahr am 30.04., wird von der Gemeinschaft der teuflischen Wesen ein Betriebsausflug durchgeführt. Und nur zu diesem Anlaß lassen besagte Wesen (nicht die von Harry Potter!) die Hüllen fallen, nein ganz so schlimm war‘s auch wieder nicht, sie nehmen nur ihre Tarnkappen ab und erscheinen uns unbedarften Sterblichen in nahezu menschlicher Gestalt und geben Irdischen, die an sie glauben, die Gelegenheit, ihnen zu huldigen und mit ihnen zu feiern!
Dass es sich um eine alte Tradition handeln muß, beweist die Tatsache, daß schon Geheimrat Goethe von solchen Zusammenkünften wußte und sie literarisch verewigte, und er machte auch den Hauptversammlungsort bekannt, unseren Brocken! Lokale Gruppierungen dieser verschworenen Gemeinschaft feiern aber auch gern an ihren Wirkungsstätten.
Kurz nach der Erschließung des Brockens durch die Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn (NWE) konnte die Betreibergesellschaft einen Geheimvertag mit der teuflischen Gesellschaft abschließen, daß immer ein Teil der Hexen und Teufel den angebotenen Zug benutzen muß und somit auf ihre traditionellen Fluggeräte verzichten. Man wußte halt damals schon die Wirkung von Flugtreibstoffen auf die um den Brockenberg stehenden und selbst heute noch kümmerlich bis schlecht aussehenden Bäume! Also messerscharf geschlußfolgert hat die Bahn damals schon aktiv den noch gar nicht bekannten Umweltschutz ernst genommen. Unterbrochen durch die Zeitläufe (1940 bis 1989) fuhren die Hexensonderzüge seit dem 30.04.1901, ab 1990 in der Regie der IG HSB. Bis auf eine Ausnahme (1998) fuhren die Walpurgiszüge der „Neuzeit“ aber nicht mehr zum Brocken, sondern nach Schierke am Fuße des Brockens.
Also war der 30.04.2018 der Tag, an dem ich ein paar Fotos einfangen konnte. Nun hatte ich bei meiner spontanen Anreise auf mehrfaches freundliches Drängen einer einzelnen Person schon geahnt, daß man an den Bahnhöfen und der Westerntor-Kreuzung weder ein Stativ noch einen Fuß auf den Boden bekommen würde, und so begab ich mich zum Blochplatz, wo die HSB dankenswerter Weise auch nach wenigen Minuten einen Personenzug (8939) in Richtung Brocken vorbei schickte zur Feinjustierung des Motivs und der Kamera!
Da man manchmal mit dem zufrieden sein soll, was man grad in der Hand bzw. vor der Linse hat, hielt ich eisern durch und meinen Standpunkt fest, verteidigte erfolgreich meinen Platz und belehrte die zahlreich anströmenden Fotofreunde über Aufbau und Wirkungsweise einer halbwegs akkuraten Fotolinie, eingedenk der Erfahrung aus etlichen Fotofahrten.
Bevor der Belagerungszustand gegen mich ausgerufen wurde, machte sich der IG-Sonderzug durch entsprechende Geräuschentwicklung bemerkbar und das Motiv war gegessen!


Foto  (Winfried Schwarzbach): Etwa 400 m hinter der Westerntor-Kreuzung in Wernigerode
entstand dieses Foto.

Wie man unschwer erkennen kann, hatten die Hexe und die Teufel auf der Lok ein großes Interesse an der reibungslosen Durchführung der Zugfahrt, sie behielten die Strecke im Auge, an bestimmten Stellen nicht ohne urige Warnschreie auszustoßen.
Leider war mein fotojagderprobtes Fortbewegungsmittel auf Grund des starken Anreiseverkehrs auf der Straße im Drängetal in seiner Geschwindigkeit stark eingeschränkt, für einen kurzen Abstecher nach Hasserode zum Bahnhof reichte es aber noch.
Hin und her gerissen, ob man noch einen Abstecher zum Thumkuhlentalbogen machen könnte, wurde ich schon nach wenigen Metern einer Entscheidung enthoben, eine lange Kolonne Fahrzeuge hatte mich erfaßt und zwang mich, mit etwa 40 km/h zu Berge zu rollen!
Also auch kein fotografischer Blick auf die Tunnelausfahrt vom Drängetal aus, dafür aber am Wegehaus Drei Annen hurtig nach rechts ausgeschert und schon nach wenigen Minuten hörte man die 99 7232 mit ihrem Zug am Windbruchbogen in der Steigung, um kurz danach an mir vorbei zu fahren.


Foto (Winfried Schwarzbach): Nach einer quälend langen „Kolonnenfahrt“ auf der Straße von Wernige-
rode in Richtung Drei Annen Hohne schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zu diesem Fotostandpunkt
am Gasthaus Drei Annen.

In Drei Annen Hohne erfolgten die üblichen Zeremonien - Wasserfassen, Fotografen überall und alles garniert von einer Zugkreuzung mit 8924.
Dann ging es weiter Richtung Schierke. Auch auf diesem Abschnitt wurde permanent nach allen Seiten die Strecke augenscheinlich gesichert, vermutlich gegen Zuschauer, die schnöde das Geräusch der bergwärts fahrenden Dampflok verachten wollten. Offensichtlich hatten die Dame und der Herr auf dem jeweiligen rechten und linken Wasserkasten den bösen Blick eingeschaltet, alles hielt gebührenden Abstand.


Foto (Winfried Schwarzbach): Die „Lokhexe“ bei der Streckenbeobachtung.

Im Bahnhof Schierke verließen der größte Teil der Gäste und Gastgeber den Zug, um eilig zu dem Ort der höllischen Feierlichkeiten im Kurpark Schierke zu gelangen. In einer ruhigen Minute gelang ein Bild einiger der ungetarnt reisenden Mitglieder der teuflischen Zunft, gewisse Ähnlichkeiten mit uns be-kannten Menschen sind aus Tarnungsgründen nicht auszuschließen.

Foto (Winfried Schwarzbach): Hexen und Teufel vor der Lok des Walpurgiszuges 2018 im Bahnhof Schierke.